Verändert die Bildschirmzeit die Gehirne von Kindern negativ?

Verändert die Bildschirmzeit die Gehirne von Kindern negativ?

Fernsehen, Smartphone oder Spielekonsole – Kinder verbringen immer mehr Zeit vor einem Display. Laut einer aktuellen Studie zufolge schauen viele Kinder viel länger auf einen Bildschirm als für sie empfohlen – unter 2-Jährige sogar inzwischen doppelt so viel als vor 20 Jahren. Dabei sind die Zeiten von Heimunterricht in den meisten Untersuchungen noch nicht erfasst.

Eltern fragen sich: Kann sich zu viel Bildschirmzeit auf die Entwicklung meines Kindes auswirken?Was passiert in den Gehirnen, wenn der Nachwuchs zu lange und zu oft vor Computer, Fernseher und Co sitzt? Und gibt es auch positive Aspekte? Antworten darauf gibt es in den folgenden Zeilen.

Zu viel Zeit vorm Bildschirm kann die sprachlichen Fähigkeiten beeinflussen

„Du kriegst noch viereckige Augen!“ Diesen Satz aus dem mütterlichen oder väterlichen Mund haben noch viele aus ihrer Kindheit in Erinnerung. Schon vor Jahren war bekannt, dass zu viel Zeit von Kindern vor dem Bildschirm nicht gut sein könnte. Nun zeigt eine aktuelle Studie aus den USA, was im Gehirn vor sich geht.

Wissenschaftler des „Cincinnati Children's Hospital Medical Center“ untersuchten dafür 47 Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren. Im ersten Schritt wurde ihre Bildschirmzeit ermittelt, im zweiten Schritt die Gehirne gescannt. Dabei fanden die Forscher Veränderungen bei Kindern vor, die mehr als die empfohlene Zeit vor dem Bildschirm verbrachten. Bei ihnen war die sogenannte „Weiße Substanz“ weniger stark entwickelt. Dahinter steckt Myelin, das eine Fettschicht der Axone der Nervenzellen bildet und die Informationsübertragung im Gehirn beschleunigt.

Die Veränderung betraf alle Areale im Gehirn, doch verstärkt Regionen, die die Entwicklung der Sprache fördern. Die betroffenen Kinder schnitten in anschließenden sprachlichen Test zudem schlechter ab – vor allem im Ausdruck und durch eine langsamere Benennung von Objekten. Die Wissenschaftler folgern daraus, dass zu viel Zeit vor dem Bildschirm die Entwicklung der Sprache hemmen kann. Aber auch die bildlichen und kognitiven Fähigkeiten, die mentale Kontrolle und die Selbstbestimmung seien damit verbunden.

Kritiker weisen daraufhin, dass es sich um eine korrelative Studie handelt. Diese gebe keinen Aufschluss zwischen Ursache und Wirkung. Auch indirekte Medieneffekte könnten mögliche Ursachen sein – beispielsweise die dadurch weniger mit den Eltern gesprochene Zeit, die wichtig ist, um Sprachfähigkeiten zu schulen.

Weitere Folgen: Weniger Konzentrationsfähigkeit und Einschlafstörungen

Doch nicht nur die Sprachentwicklung könnte durch zu viel Medienkonsum gehemmt werden, wie weitere Untersuchungen zeigen. Experten argumentieren beispielsweise, dass auch die Zeit für echtes, körperlich betontes Spielen dadurch reduziert würde. Dieses sei wichtig für die Entwicklung der Grobmotorik und auch von sozialen Kompetenzen.

Eine weitere Studie aus Kanada fand einen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und kürzerer Aufmerksamkeitsspanne heraus. Kinder, die mehr als zwei Stunden pro Tag vor dem Bildschirm verbringen, büßen demnach an geistiger Bewegung ein. Die Forscher befragten dafür über 4.500 Kinder im Alter von acht bis elf Jahren und deren Familie über ihre Lebensgewohnheiten. Anschließend wurden sie Tests in den Bereichen Sprache, Reaktionsfähigkeit, Erinnerungsvermögen und Konzentration unterzogen. Das Ergebnis: Schon ab zwei Stunden Bildschirmzeit werde die kognitive Entwicklung beeinträchtigt.

Andere Experten weisen zudem auf das Suchtpotenzial digitaler Medien hin. Auch die Schrumpfung des Arbeitsgedächtnisses oder eine schlechtere Einschlaffähigkeit können Folgen von zu viel Bildschirmzeit sein: Das längere blaue Licht vor allem am Abend kann dies verursachen.

Noch ist die Forschungslage in diesem Bereich nicht ausreichend. Wissenschaftler plädieren daher für weitere Untersuchungen, die dringend durchgeführt werden sollten, um beispielsweise festzustellen, ob bisher beobachtete Schäden temporär oder dauerhaft sind.

Es gibt auch Vorteile der Bildschirmzeit für Kinder

Doch auch hier hat die Medaille zwei Seiten. So manche Studien gaben auch widersprüchliche Ergebnisse. So konnte eine viel beachtete Studie auch zeigen, dass das regelmäßige Spielen von „Super Mario 64“ auch das Volumen von Gehirnbereichen vergrößern kann, die mit räumlicher Koordination in Verbindung gebracht werden. Eine Reihe von Studien zeigt, dass das Spielen von regelmäßigen Actionspielen die Aufmerksamkeitsleitung auch verbessern kann.

Forscher gehen von weiteren positiven Effekten aus: So könnten Online-Spiele auch Teamwork und Kreativität fördern, die Computerbeschäftigung kann die visuelle Intelligenz und die Hand-Augen-Koordination verbessern, sozial Verbindungen werden ebenso geknüpft und auch der Wissensaufbau durch vermehrten Informationszugang ist eine positive Folge.

In der Wissenschaft wird auch von der sogenannten „Digital Goldilocks“-Hypothese gesprochen. Diese drückt aus, dass eine moderate Bildschirmzeit an sich nicht schädlich ist. Es können auch positive Effekte dadurch auftreten.

So viel Bildschirmzeit empfehlen Experten

Wie viele Stunden sind denn jetzt richtig und gut für den Nachwuchs? Hier gibt es keine generellen pauschalen Antworten. Denn eine Untersuchung aus Frankfurt zeigt, dass es eine Quadratfunktion braucht, um den Zusammenhang zwischen Bildschirm- oder Digitalzeit und geistigem Wohlergehen am besten zu veranschaulichen: Positive Auswirkungen seien daher bei einer Mediennutzung von ein bis drei Stunden täglich möglich, danach könnte ein „Wendepunkt“ eintreten.

Als Anhaltspunkte für ratlose Eltern seien an dieser Stelle die Empfehlungen zur Bildschirmzeit des Bildungsportals „KinderZeit“ genannt, das sich in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen und Experten den Schwerpunkten Pädagogik, Erziehung, Gesundheit und Ernährung widmet:

  • unter 18 Monate: kein Medienkonsum außer Videoanrufe
  • 18 bis 24 Monate: zwei bis drei Stunden Medienkonsum pro Woche
  • zwei bis fünf Jahre: Bildschirmzeit von einer Stunde pro Tag
  • fünf bis elf Jahre: Bildschirmzeit von zwei Stunden pro Tag
  • ab zwölf Jahre: keine definierte Stundenzahl

Dabei sollten Eltern nicht nur auf die reine Minutenanzahl pochen, sondern auch auf die Qualität der Inhalte achten. Je jünger das Kind, desto wichtiger ist der bildende Wert. Gemeinsames Schauen spielt hier auch eine essenzielle Rolle, um das Gesehene auch erklären zu können. Zudem helfen bildschirmfreie Zonen innerhalb des Hauses und die Animierung zu anderen Aktivitäten.

Zusammenfassung

Zu viel Zeit vor dem Bildschirm verändert die Gehirne unserer Kinder. Untersuchungen belegen negative Auswirkungen beispielsweise bei der sprachlichen Entwicklung. Andere Forschungen zeigen aber auch positiven Folgen auf.

Quellen und weiterführende Links

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