Endocannabinoid-Mangel: Ursache zahlreicher Krankheiten?

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Chronische Krankheiten sind weitverbreiteter, als so mancher glauben mag. Rund 48 Prozent der Deutschen leiden unter einer andauernden Erkrankung, die eine regelmäßige Behandlung braucht. Bei manchen sind die Ursachen immer noch nicht genau bekannt.

Ein möglicher Auslöser könnte der sogenannte Endocannabinoid-Mangel sein, der Forscher immer mehr beschäftigt. Die folgenden Zeilen zeigen, welche Krankheiten dieser Mangel auslösen kann und wie Hilfe aussehen könnte.

Das Endocannabinoid-System: Die Hanfpflanze f√ľhrte zu Rezeptoren

Es ist noch gar noch so lange her, dass Forscher das sogenannte Endocannabinoid-System (ECS) im Körper entdeckt haben. Hintergrund der Entdeckung war die Frage, wie Substanzen aus der Kulturpflanze Hanf im menschlichen Körper wirken.

In diesem Zusammenhang fand der israelische Forscher Raphael Mechoulam Rezeptoren im Organismus, die von den Inhaltsstoffen der Cannabispflanze beeinflusst werden. Diese Rezeptoren befinden sich √ľberall im K√∂rper und agieren mit k√∂rpereigenen Liganden ebenso mit den Substanzen aus der Pflanze ‚Äď deren Name Cannabinoide schlie√ülich zum Namen des neu entdeckten Systems f√ľhrten.

Hierbei werden zwei Arten von Cannabinoiden unterschieden: Endogene Cannabinoide entstammen dem K√∂rper. Exogene Cannabinoide werden von au√üen zugef√ľhrt ‚Äď wie beispielsweise die Phytocannabinoide des Hanfs.

Bisher konnten die Forscher zwei Rezeptoren im ECS definieren, wobei die Wissenschaftler davon ausgehen, dass es weitere gibt. Sie steuern die Aussch√ľttung von Neurotransmitter im Gehirn ‚Äď also Botenstoffe, wie zum Beispiel Serotonin, Dopamin, Glutamat oder Noradrenalin ‚Äď ausgel√∂st durch die Cannabinoide, die an den Rezeptoren wirken. Diese Botenstoffe k√∂nnen sich unter anderem auf Schlaf, Schmerzen und Wohlbefinden auswirken.

Die sogenannten CB1-Rezeptoren sind vorwiegend im Gehirn und im zentralen Nervensystem, aber auch im Darm zu finden. Sie sind unter anderem f√ľr Ged√§chtnis, die Stimmung, den Appetit, den Schlaf wie auch die Schmerzen verantwortlich. Die CB2-Rezeptoren existieren im gesamten K√∂rper, unter anderem auch im Magen-Darm-System. Ihre Hauptfunktion gilt Entz√ľndungen: Hemmung und weiteres Ausbreiten vermeiden.

Der klinische Endocannabinoid-Mangel und seine Folgen

Wie bereits erw√§hnt, produziert der K√∂rper eigene (endogene) Cannabinoide, um Botenstoffe √ľber die Rezeptoren zu steuern. Jedoch vermuten Forscher, dass dieser Prozess auch gest√∂rt sein kann und zu wenig Cannabinoide produziert werden. In diesem Fallen sprechen sie vom klinischen Endocannabinoid-Mangel (Clinical Endocannabinoid Deficiency Syndrome).

Liegt solch ein Mangel vor, kann das ECS nicht mehr optimal funktionieren und Krankheiten k√∂nnen die Folgen sein. Diese Theorie wurde erstmals von Dr. Ethan Russo aufgestellt, in der der renommierte Cannabisforscher vermutet, dass ein zu niedriger Endocannabinoid-Spiegel die Ursache f√ľr chronische Krankheiten sein k√∂nnte. So werden eine herabgesetzte Schmerzgrenze, Stimmungsschwankungen, Schlafst√∂rungen und St√∂rungen des Verdauungssystems bei solch einem Mangel vermutet.

Im Moment ist die Forschungslage noch sehr d√ľnn, es fehlt an schl√ľssigen Beweisen und klinischen Studien. Daher ist der klinische Endocannabinoid-Mangel aktuell selbst keine anerkannte Krankheit.

Diese Krankheiten könnten durch Endocannabinoid-Mangel entstehen

Die Forscher vermuten, dass zahlreiche Krankheiten infolge eines Endocannabinoid-Mangels auftreten k√∂nnen. Eine Studienlage gibt es bereits f√ľr folgende Erkrankungen:

  • Migr√§ne
  • Fibromyalgie
  • Reizdarmsyndrom

Migräne

Die Ursachen f√ľr diese Krankheit sind immer noch nicht vollst√§ndig entschl√ľsselt. Dabei leidet rund zehn Prozent der Bev√∂lkerung unter diesen chronischen Schmerzen ‚Äď das sind etwa neun Millionen Deutsche. Vermutet wird unter anderem eine Kausalit√§t mit dem Botenstoff Serotonin. Mediziner wissen, dass der Anstieg und Abfall des Serotonin-Spiegels mit den Symptomen korreliert. Signifikant beteiligt an der Serotonin-Regulierung ist das Endocannabinoid Anandamid, das eine Wirkung auf die Schmerzregulation hat.

Fibromyalgie

Dies ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die ebenfalls Schmerzen verursacht. Experten sprechen hier von einer gestörten Schmerzverarbeitung. Typisch sind beispielsweise tiefe Muskelschmerzen, aber auch Erschöpfung, Konzentrations- und Schlafprobleme. Auch hier wird eine Verbindung zum Botenstoff Serotonin vermutet.

Reizdarmsyndrom

Dabei handelt es sich um eine Erkrankung, die sich durch Bauchkr√§mpfe, Bl√§hungen und Durchfall √§u√üert. Hier haben Forscher ebenfalls herausgefunden, dass Serotonin das Syndrom beeinflusst. In Studien wurde gezeigt, dass die Cannabinoid-Rezeptoren im Darm Entz√ľndungen und √úberempfindlichkeit entgegenwirken, der Botenstoff die Bewegungsf√§higkeit des Darms verlangsamt und damit gegen Darmkr√§mpfe wirkt. Daher liegt eine Verbindung zwischen dem Endocannabinoid-Mangel und dem Reizdarmsyndrom nah.

Interessant ist, dass Forscher auch Verbindungen mit den anderen Krankheiten beobachten. Zahlreiche Patienten mit Reizdarmsyndrom berichten auch von Migräne-Symptomen, Fibromyalgie-Patienten haben ebenfalls Anzeichen einer Reizdarmstörung.

Es gibt zahlreiche weitere Krankheiten, deren Ursache eventuell auf einen Endocannabinoid-Mangel zur√ľckzuf√ľhren sind, was jedoch klinisch noch nicht bewiesen ist. So k√∂nnten unter anderem Mukoviszidose, Phantomschmerzen, Kinderkoliken, Menstruationsschmerzen, bipolare Erkrankungen und posttraumatische Belastungsst√∂rung (PTBS) ebenfalls Folgen sein.

Mögliche Maßnahmen gegen einen Endocannabinoid-Mangel

Da die Forschungslage zum klinischen Endocannabinoid-Mangel noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es auch noch keine als wirksam bewiesene Behandlung, die auch die m√∂glich verursachten Krankheiten lindern. Dennoch haben Experten bereits Empfehlungen ausgesprochen und unter anderem die Zufuhr von exogenen Cannabinoiden ‚Äď wie durch Cannabis ‚Äď wird fieberhaft erforscht.

Den Darm unterst√ľtzen und gesund ern√§hren

Experten vermuten, dass das Darmmikrobiom und seine Bakterien ein wichtiger Regulator f√ľr das Endocannabinoid-System sind. Daher kann es hilfreich sein, bei Krankheiten den Darm zu schonen (durch Vermeidung von unn√∂tigen Antibiotika) und zu unterst√ľtzen (durch Probiotika). Auch mit Lebensmitteln kann der Darm unterst√ľtzt werden ‚Äď beispielsweise mit Wasserkefir, eingelegtem Gem√ľse, Apfelessig Kokosjoghurt und Milchproduktalternativen.

Zudem k√∂nnen entz√ľndungsf√∂rdernde Nahrungsmittel vermieden werden. Dazu geh√∂ren unter anderem gebratene Lebensmittel mit Transfetten. Aber auch zu viele Kalorien k√∂nnen schlecht f√ľr das ECS sein.

Sport treiben, f√ľr guten Schlaf sorgen und Stress vermeiden

Bewegung unterst√ľtzt das ECS, aber auch gen√ľgend Schlaf und Stressvermeidung kann helfen. Wer einen Endocannabinoid-Mangel bei sich vermutet, sollte daher versuchen, mehr Sport zu treiben, seine Schlafqualit√§t zu verbessern und den Umgang mit Stress √ľberdenken.

Nahrungsergänzungsmittel mit exogenen Cannabinoiden (z. B. CBD)

Auch die Zuf√ľhrung von exogenen Cannabinoiden wird als Therapie von vielen Forschern untersucht. Auf dem Markt gibt es zahlreiche √Ėle, Kapseln und Pasten, die unter anderem Cannabidiol (CBD) enthalten, die den Cannabinoid-Spiegel im K√∂rper positiv beeinflussen k√∂nnen.

CBD ist dabei entgegen dem berauschenden THC (Tetrahydrocannabinol) nicht psychoaktiv und wird auch von der Weltgesundheitsorganisation als gut vertr√§glich eingestuft. THC wird als Alternative zu dem endogenen Cannabinoid Anandamid betrachtet, CBD unterdr√ľckt die Freisetzung eines Enzyms, das Anandamid abbaut.

Die Frage, ob Cannabisprodukte mit exogenen Cannabinoiden Krankheiten lindern und heilen k√∂nnen, die aufgrund eines m√∂glichen Endocannabinoid-Mangels entstanden sind, ist l√§ngst noch nicht abschlie√üend gekl√§rt. Erste Forschungsergebnisse lassen hier aber bereit vielversprechende R√ľckschl√ľsse ziehen: CBD gewinnt derzeit als starkes entz√ľndungshemmendes Mittel, Analgetikum und Anxiolytikum immer mehr an Bedeutung. In so manchen L√§ndern wird Cannabis bereits als Medikament gegen Fibromyalgie verschrieben.

Medizinisches Cannabis mit einem hohen Anteil von THC ist in Deutschland verschreibungspflichtig. CBD-Vollspektrumsöle gelten hingegen entsprechend dem vorgegeben niedrigen THC-Wert (unter 0,2 Prozent in der verwendeten Nutzhanfpflanze) gemeinhin als nicht zulassungspflichtig Nahrungsergänzungsmittel.

Zusammenfassung

Das Endocannabinoid-System im menschlichen K√∂rper reguliert durch Rezeptoren und passende Endocannabinoide die Aussch√ľttung von Botenstoffen, die unter anderem f√ľr Empfindungen, Schlafregulation und Schmerzen verantwortlich sind. Forscher vermuten, dass ein Mangel an Endocannabinoiden die Ursache f√ľr Krankheiten wie Migr√§ne, Fibromyalgie oder Reizdarmsyndrom sein kann. Durch exogene Cannabinoide wie THC oder CBD k√∂nnten Verbesserungen erreicht werden.

Die häufigsten Fragen / FAQ

ūüí° Was sind Cannabinoidrezeptoren?

Hierbei handelt es sich um Bindungsstellen f√ľr Cannabinoide auf Nervenzellen des ZNS und anderen Zelltypen.

‚Ěď Was bedeuten CB1- und CB2-Aktivator?

CB1 und CB2 sind Rezeptoren. √úber diese werden exogene Cannabinoide aufgenommen.

ūüö® Was machen Cannabinoide?

Cannabinoide docken am CB1-Rezeptor an, dieser gibt bestimmte Signale weiter an andere Nervenzellen.

ūü§Ē Was ist das Endocannabinoid-System?

Bestandteile des Endocannabinoid-Systems (auch ECS) sind die beiden Rezeptoren CB1 und CB2, aber auch körpereigene Cannabinoide.

Quellen und weiterf√ľhrende Links

Artikelbild: animaxx3d / Bigstock.com

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