Potenzieller Wirkmechanismus: Schützt Cannabis vor dem Coronavirus?

Aktuell laufen die Forschungen für Heilmittel und Impfstoff gegen das Coronavirus weltweit auf Hochtouren. Wissenschaftler und Ärzte beschäftigen sich vor allem mit bereits existierenden Medikamenten wie beispielsweise Remdesivir – ein Mittel zur Behandlung von Ebola. Aber auch weniger traditionelle Wege werden im Kampf gegen die Pandemie beschritten. So beschäftigen sich Forscher auch mit der Heilpflanze Hanf und vor allem deren Bestandteil Cannabidiol (CBD) – mit ersten positiven Erkenntnissen.

Kanada: CBD könnte möglicher Schutz gegen das Coronavirus sein

Die lindernde Wirkung von Cannabis und vor allem dem Bestandteil Cannabidiol (CBD) bei zahlreichen Krankheiten ist bereits mit vielen Studien belegt. Es wirkt unter anderem schmerzlindernd, entzündungshemmend und antioxidativ. So wird CBD bereits erfolgreich bei Epilepsie angewendet, Nebenwirkungen bei Krebs können gelindert werden sowie die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn abgeschwächt werden. Auch Parkinson, Alzheimer, Arthrose und Depressionen stehen im Fokus der Wissenschaftler.

Kann Cannabis auch vor dem neuen Virus SARS-CoV-2 schützen? Kanadische Forscher der Universität Lethbridge vermuten genau das, wie sie aktuell erst im Mai in einem „preprint“ veröffentlichten. Die Ergebnisse entstammen aus Studien zu Arthritis, Morbus Crohn, Krebs und anderen Krankheiten, sagen die Forscher als Alberta.

Demnach vermuten sie, dass spezielle Cannabinoide aus der Hanfpflanze das Eindringen des Coronavirus wirksam verhindern könnten. Sie konzentrierten sich vor allem auf die Stämme der Pflanze „Cannabis sativa“, die einen hohen Anteil von CBD aufweist.

Die Studie wurde bisher als Vorabdruck veröffentlicht und ist noch nicht von Forscherkollegen geprüft. Auf sogenannten prepint-Servern werden erste wissenschaftliche Erkenntnisse abgelegt, die noch verifiziert werden müssen, bevor sie in wissenschaftlichen Magazinen veröffentlicht werden.

Wirkung an Rezeptoren könnte das Virus blockieren

Hintergrund der Vermutung ist die Wirkung von Cannabinoiden an menschlichen Rezeptoren. Denn auch das Coronavirus benötigt einen Rezeptor, um in menschliche Zellen einzudringen. In diesem Fall wurde der ACE2-Rezeptor von Forschern des University Medical Center Groningen als Eintrittsportal für Sars-CoV-2 benannt. Diese Rezeptoren finden sich vor allem im Lungengewebe, in Nasen- und Mundschleim sowie in den Nieren, in den Hoden und im Magen-Darm-Trakt. Die Wirkung des Coronavirus an diesem Rezeptor könnte auch erklären, warum Männer häufiger von der Krankheit betroffen sind als Frauen.

Aber auch Cannabinoide wirken an Rezeptoren – und könnten in diesem Fall quasi als Türsteher am ACE2-Rezeptor fungieren. Cannabidiol-Moleküle verändern den Rezeptor und erschweren somit den Eintritt des Coronavirus ins Zellinnere. Zudem soll CBD auch das Level von notwendigen Proteinen für das Virus herunterregulieren.

Hier wurde neben ACE2 auch das Protein TMPRSS2 als Hilfe für den SARS-Covid-19-Erreger identifiziert. Forscher des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin zeigten zudem, dass Zellen in der Nase die höchste Konzentration an ACE2 und TMPRSS2 enthielten – ein Eintrittsportal für Coronaviren.

CBD führe möglicherweise zu einer geringeren Anfälligkeit gegenüber dem Coronavirus, vermuten nun die kanadischen Forscher. „Wenn sich kein ACE2 im Gewebe befindet, kann das Virus nicht eindringen“, erläutert der Biologieprofessor Kovalchuck für seine Kollegen.

Die Forscher haben aus 800 Cannabis-sativa-Varianten 13 Extrakte identifiziert, die einen hohen CBD-Anteil aufweisen und ihrer Meinung nach die ACE2-Werte entsprechend verändern. Dabei haben sie auch auf einen ausgewogenen Anteil beim THC-Gehalt geachtet, damit Menschen bei einer möglichen hohen Dosis nicht durch dessen psychoaktive Eigenschaften beeinträchtigt werden. Tetrahydrocannabinol (THC) ist ein Cannabinoid, das eine psychoaktive Wirkung hat. CBD hat diese nicht und wirkt der berauschenden Wirkung von THC sogar entgegen.

Seit 2015 sammeln Igor und Olga Kovalchuk weltweit verschiedene Varietäten von Cannabis, gewinnen Extrakte und züchten neue Sorten. Die Forscher konnten in der Vergangenheit bereits eine therapeutische Wirkung von Cannabis-Produkten verifizieren.

Deutschland: Umfrage für Wirkung im Laufe der Infektion

Aber auch deutsche Forscher beschäftigen sich mit einer möglichen Wirkung von Cannabis beim Coronavirus. Prof. Gundula Barsch von der Hochschule Merseburg hat beispielsweise eine anonyme Online-Umfrage gestartet. Unter dem Titel „Selbstinitiierte Behandlungen durch Covid-19 betroffene Patientinnen und Patienten mit Cannabis“ stehen Patienten im Mittelpunkt, die während einer Corona-Infizierung Cannabis konsumierten. Die Forscher versichern dabei, dass die Daten anonym gesammelt werden und keine Rückschlüsse auf die Person möglich ist.

Die Umfrage soll in zwei Teilen durchgeführt werden. Die Forscher erhoffen sich dadurch Erkenntnisse über eine Wirkung von Cannabis während der Erkrankung. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Israelische Forscher: Behandlung bei mäßigem Krankheitsverlauf

Praktische Forschungen werden am Ichilov Hospital in Tel Aviv (Israel) durchgeführt. Auch bei dem leitenden Anästhesist des Krankenhauses, Dr. Barak Cohen steht Cannabidiol im Mittelpunkt der Untersuchung. Hier entsteht ebenfalls eine Studie an von Covid-19 betroffenen Patienten zur CBD-Wirkung. Die Patienten, die für diese Untersuchung ausgewählt wurden, erleiden einen mäßigen Krankheitsverlauf.

Die Studie wird auf mehreren Stationen des Krankenhauses durchgeführt. Die Forscher erhoffen sich, mit CBD die Entzündungen einzudämmen und so das Virus besiegen zu können. Denn der Entzündungsprozess geht mit der gesundheitlichen Verschlechterung schwer erkrankter Corona-Patienten einher. Daher hoffen die Wissenschaftler, den Entzündungsprozess durch CBD zu verlangsamen und vielleicht auch Symptome der Krankheit zu lindern. Auch hier liegen noch keine Ergebnisse vor.

Zusammenfassung

Cannabis ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt und kann nachgewiesen bei zahlreichen Krankheiten Linderung verschaffen. Forscher beschäftigen sich auch mit einer potenziellen Heilwirkung gegen das Corona-Virus: Kanadische Forscher fanden eine blockierende Wirkung gegen den Eintritt des Virus und deutsche sowie israelische Wissenschaftler untersuchen mögliche Wirkungen während der Erkrankung.

Quellen und weiterführende Links

Artikelbild: galinadvorak / Bigstock.com

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